Gesundheit der Schüler

Schwere Schulranzen: Mein Sohn - der Packesel

Viele Kinder gehen schwer beladen zur Schule.
Rückenschmerzen sind ein Volksleiden. Bei Erwachsenen sind die Gründe dafür schnell gefunden: Wir sitzen zu viel und bewegen uns zu wenig. Bei Kindern kommt hinzu: Sie schleppen täglich zu schwere Schulranzen. Deswegen klagen erschreckend viele Kinder über Rückenschmerzen, wie eine Studie der Tübinger Uniklinik belegt.

Junes ist zehn Jahre alt und geht seit vergangenem Sommer auf ein Mainzer Gymnasium. Wenn er seine Tasche packt, landen jede Menge Bücher und Hefte im Ranzen, natürlich eine Brotdose und etwas zu trinken. Manchmal muss der Duden mit und manchmal das Sportzeug. Der Fünftklässler konnte also bestens mitreden, als im Biologieunterricht das Thema Wirbelsäule auf dem Plan stand - und damit auch das Gewicht, das die Schüler jeden Morgen tragen. Junes hat gelernt: Maximal zehn Prozent seines Körpergewichts darf der Schulranzen wiegen.

Doppelt so schwer als erlaubt

Wir machen den Test: Erst kommt Junes auf die Waage, dann sein Schulranzen. Bei 33 Kilogramm Eigengewicht dürfte Junes laut den Empfehlungen der Ärzte 3,3 Kilogramm zur Schule tragen. Ein Blick auf die Waage zeigt, dass seine Schultasche inklusive Inhalt mehr als doppelt so viel wiegt.

Orthopäde Patrick Reize aus Tübingen beschreibt die Gefahren in der SWR-Sendung "Ländersache Baden-Württemberg": "Das Gewicht führt dazu, dass sich Brustwirbelsäule und Brustkorb nach vorne neigen." Es drohen nicht nur Verspannungen in den Muskeln, sondern auch bleibende Haltungsschäden.

"Schon Zehnjährige tragen bis zu 18 Kilogramm"

Der Mediziner der Tübinger Uniklinik hat in einer Studie mehr als 2.000 Schüler zu Rückenschmerzen befragt und herausgefunden, dass bereits in der Grundschule 14 Prozent aller Schüler unter Rückenschmerzen leiden. Unter den Realschülern und Gymnasiasten sind es nach seinen Ergebnissen sogar 80 Prozent. Studienleiter Reize führt das gegenüber der "Ländersache Baden-Württemberg" auch auf die schweren Schultaschen zurück: "Viele Schüler tragen Ranzen, die 30 bis 40 Prozent ihres Körpergewichts wiegen. Das sind im Einzelfall Gewichte von 17 bis 18 Kilogramm, die schon Zehnjährige mit sich herumtragen."

Auch Grundschulkinder sind betroffen

Dass Kinder schwer bepackt zur Schule gehen, ist bereits in der Grundschule ein Problem. Ines Engelmohr von der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz ist seit mehreren Jahren in rheinland-pfälzischen Schulen zur Ranzenkontrolle unterwegs. Nach ihren Erfahrungen tragen schon in der Grundschule zwei von drei Kindern zu schwere Ranzen.

Junes hat noch keine Rückenschmerzen, aber auch er merkt das Gewicht auf seinen Schultern: "Ich find den Schulranzen in letzter Zeit sehr schwer. Vor allem dienstags, wenn wir so viele Bücher mitnehmen müssen. Und wenn ich ihn mit einer Hand trage."

Eine einseitige Belastung ist Gift für die Wirbelsäule. Wer die Schultasche zum Beispiel nur auf einer Schulter trägt, riskiert Verbiegungen, sagt Orthopäde Patrick Reize: "Die Schulter wird automatisch hoch gezogen, die Wirbelsäule weicht zur Gegenseite aus."

Junes hat die richtig schweren Sachen schon aussortiert: Der Atlas zum Beispiel bleibt in der Schule, deponiert in einem Fach im Klassenraum. Auch das Sportzeug will er demnächst im Schließfach einschließen. Den Kinderrücken wird's freuen.